Nicolas Gwenael, Gründer und Creative Director von Curiosity Inc., Tokio
Wie charakterisieren Sie Ihr Unternehmen Curiosity?
Reiko Miyamoto gründete Curiosity mit mir, um kreative Ideen in die Welt des Handels zu bringen. Wir lassen uns von Denktraditionen und Impulsen aus Asien, Europa und Amerika inspirieren. Statt Unterschiede hervorzuheben, interessiert uns vor allem, wie Kulturen funktionieren – und wo ihre Gemeinsamkeiten liegen. Darin sehen wir die Chance, Brücken zu schlagen und kreative Synergien zu schaffen. Wir arbeiten mit Unternehmen und Kreativen zusammen, die eine klare Haltung und Vision mitbringen – und von denen auch wir lernen und wachsen können. Unsere Kunden stammen aus den unterschiedlichsten Bereichen: von Mode und Hotellerie über den Einzelhandel bis hin zu großen Projekten oder privaten Bauherren. Oft sind sie von unseren Antworten auf ihre Fragen überrascht. Denn unser Ziel ist es nicht, zu spiegeln, wer sie sind, sondern aufzuzeigen, wer sie noch sein könnten.
Was ist Ihrer Meinung nach derzeit der wichtigste Trend im Storedesign?
Mich fasziniert die Kreativität im Storedesign, die man derzeit in ganz Asien findet – von Japan über Korea bis nach China. Es entsteht ein neues Gefühl von Aufbruch und Avantgarde: immersive Räume, sinnliche Installationen, eng verbunden mit der lokalen Stimmung. Sie entwerfen ein Lebensgefühl, das Tradition und Moderne miteinander verbindet – ohne dabei nostalgisch zu wirken. Während internationale Marken ihre Läden zunehmend im kulturellen Kontext verankern, suchen unabhängige Marken viel mehr die direkte Verbindung zum einzelnen Menschen.
Dabei entwickeln sich internationale Marken immer stärker zu Botschaftern ihrer eigenen Kultur. Sie treten an die Stelle kultureller Institutionen oder arbeiten eng mit Museen und nationalen Einrichtungen zusammen, um ihre Botschaften noch weiter zu tragen.
Fließen die japanische Kultur und das berühmte japanische Handwerk in Ihre Entwürfe ein oder passen Sie sich vollständig den Wünschen Ihrer Kunden an?
Die Philosophie und Ästhetik von Curiosity war schon immer stark von Japan geprägt – von der komplexen Raumauffassung über den Umgang mit Licht bis hin zu besonderen Materialien und ungewöhnlichen Layouts. Unsere Kunden kommen mit einer offenen Haltung zu uns, nicht mit einem fertigen Briefing. Sie bringen eine Absicht mit, und unsere Aufgabe ist es, zu zeigen, welche Möglichkeiten sich daraus ergeben und wo die Grenzen in Bezug auf Kreativität, Zeit und Budget liegen.
Wir verstehen uns als Gestalter von Möglichkeiten. Deshalb lautet meine erste Frage immer: Wie weit können wir gehen? Unser Ziel ist es, den Kunden vor Augen zu führen, wie viel Freiheit in einem Projekt steckt – und welches Potenzial sich darin entfalten kann.
Wie werden sich Einzelhandelsgeschäfte in den kommenden Jahren verändern?
Ich sehe zwei gegensätzliche Entwicklungen, die in den kommenden Jahren an Bedeutung gewinnen werden: Zum einen werden spezialisierte Mono-Produkt- oder Mono-Marken-Stores boomen. Die zeichnen sich durch eine klare Identität aus – geprägt von der Handschrift des Designers oder der engen Zusammenarbeit mit dem Kreativen. Zum anderen werden große, multifunktionale Stores wachsen, die Handel mit Services und Freizeitangeboten kombinieren. Sie orientieren sich stärker am Alltag der Menschen und am Mikrokosmos einer Stadt oder eines Viertels – und spiegeln so die Vielfalt und Komplexität des urbanen Lebens wider. Die Stadt selbst wird damit neu entdeckt: Bestehende Räume entfalten ihr Potenzial und werden zu Experimentierfeldern. Ein Beispiel dafür war der Uniqlo- und Elektronikstore im Tokioter Stadtteil Shinjuku. Beide Formate werden künftig noch enger mit Kreativen zusammenarbeiten, um ihre Marken zu stärken. Davon profitieren Gestalter aus ganz unterschiedlichen Bereichen. Gleichzeitig wächst die Bereitschaft, auch untereinander neue Allianzen einzugehen und gemeinsam neue Herausforderungen anzunehmen.
m-i-d ist einer Ihrer Kunden. Kein Store gleicht dem anderen. Warum ist m-i-d etwas Besonderes?
m-i-d ist ein außergewöhnlicher japanischer Concept Store, der sich auf hochwertige heimische Mode spezialisiert hat. Wir arbeiten seit vielen Jahren eng mit dem Inhaber zusammen, der die Vision verfolgt, frische Energie und Kreativität in den japanischen Einzelhandel zu bringen – gerade auch in Kaufhäuser, die bisher stark von internationalen Marken dominiert werden. In der Vergangenheit waren Kaufhäuser in Japan Orte des Experiments und der Avantgarde im Design. Genau dort wollen wir wieder ansetzen: Sie sollen erneut zu Spielfeldern für Marken und Kunden werden. Deshalb beginnen unsere Projekte nie mit einem klassischen Briefing oder einer Anfrage, sondern mit einem Gespräch über den Markt und die Kundschaft vor Ort – nie über Farben, Formen oder Designideen. Auf diese Weise wird jeder Store zu einem Unikat. Eine Marke definiert sich nicht allein durch das, was sie ist, sondern auch durch das, was sie sein könnte. Wer sie festlegt, begrenzt ihr Potenzial. Wer ihr neue Ideen und Facetten zutraut, erweitert ihre Strahlkraft und Akzeptanz.
Als Designer suchen Sie immer nach Inspiration. Wo auf der Welt finden Sie die, wo Orte der Entspannung?
Inspiration wird oft überschätzt. Im Grunde ist sie nichts anderes als eine geistige Reaktion auf bestimmte Situationen – auf Ideen, Herausforderungen und Kontexte.
Um wirklich reagieren zu können, muss man den Geist trainieren wie den Körper für einen Marathon: aufmerksam bleiben, Dinge hinterfragen und beobachten, wie sie unsere Welt prägen. So entsteht nach und nach eine persönliche Bibliothek aus Eindrücken, Gestaltern und Referenzen, auf die man zurückgreifen kann. Doch genauso wichtig ist es, sich bewusst Unbekanntem auszusetzen – Kulturen, Stilen oder Ästhetiken, die einem zunächst fremd oder unbequem erscheinen. Gerade diese Reibung erweitert das Denken und das Wissen. Ebenso entscheidend ist es, die Welt, in der wir leben, zu verstehen – die Visionen, Ideen und Absichten der Kunden. Nur so wird man Teil ihres Erfolgs. Am stärksten wirkt auf mich das Reisen: Man nimmt mit allen Sinnen auf, was einen umgibt, und schafft im Kopf eine eigene visuelle Bibliothek. Fotos halten nur einen Moment fest – die Realität dagegen fängt Zeit, Bewegung und Tiefe ein. Genau das ist die Basis, um wirklich bedeutungsvolle Räume zu gestalten.
Erschienen im STORE BOOK 2026. Hier bestellen.
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