Jede Designreise beginnt mit einem Impuls

Anne Buten, Design Managerin Sonae Arauco Deutschland GmbH, Meppen

Frau Buten, wie erkennen Sie, welche Trends für den Ladenbau relevant werden?

Wir bewerten Trends immer aus zwei Blickwinkeln: Wie stark wirken sie visuell – und wie gut funktionieren sie im täglichen Einsatz im Store. Unser Prozess verbindet Kreativität, Designforschung und Marktbeobachtung. Dazu gehören Messebesuche, Workshops und der enge Austausch mit Architekt:innen, Designer:innen und Ladenbau-Expert:innen.

Oft ist es nur ein kleines Detail, das den Impuls gibt: eine neue Farbnuance, eine besondere Textur oder ein gesellschaftlicher Wandel, der beeinflusst, wie sich Menschen im Raum bewegen. Aus solchen Beobachtungen entstehen Dekore, die Marken im Store erlebbar machen – und gleichzeitig robust, langlebig und flexibel einsetzbar sind.

Welche Rolle spielt der gesellschaftliche Wandel bei der Trendanalyse?

Eine sehr große – denn Design ist immer auch ein Spiegel seiner Zeit und Ausdruck unseres Werteverständnisses. Nachhaltigkeit, Authentizität und Individualisierung prägen nicht nur unsere Haltung, sondern auch jede gestalterische Entscheidung. Was früher als unspektakulär galt – wie Beige- und Brauntöne – steht heute für Achtsamkeit und Erdverbundenheit. Die Pantone-Farbe 2026, „Mocha Mousse“, ist ein gutes Beispiel: Sie vermittelt Ruhe und Balance – Werte, die in einer komplexen Welt immer mehr an Bedeutung gewinnen.

Jeder Trend bringt seinen Gegentrend hervor. Was gestern modern war, wirkt morgen überholt – und kehrt oft in neuer, zeitgemäßer Form zurück. Für uns bedeutet das: gesellschaftliche Strömungen früh erkennen, ihre emotionale Wirkung verstehen und so übersetzen, dass sie Marken im Store langfristig stärken – visuell, atmosphärisch und funktional.

Wie übersetzen Sie einen abstrakten Trend in ein konkretes Dekor?

Für uns beginnt dieser Prozess mit der Übersetzung einer Stimmung in Form, Farbe und Materialität. Jeder Entwurf ist ein Balanceakt zwischen Emotion und Präzision. Wir suchen nach Materialien, Farben und Oberflächen, die die Sprache eines Trends glaubwürdig tragen – nicht laut, sondern authentisch. So entstehen Räume, die nicht nur gesehen, sondern gespürt werden. Ein Beispiel: „Colosseum White“ interpretiert die Anmut von Travertin neu – als zeitgenössischer Ruhepol mit klarer, moderner Präsenz. „Heritage“ bringt die Wärme von Nussbaum ins Heute – ohne nostalgische Schwere, sondern mit klarer, zeitgemäßer Formsprache und einer gestalterischen Haltung, die auch in vielen Jahren noch relevant und stimmig wirkt.

Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit generell in Ihrer Arbeit?

Eine zentrale. Für uns ist Nachhaltigkeit kein Zusatz, sondern seit der Gründung fest in der DNA von Sonae Arauco verankert – und damit ein integraler Bestandteil jedes Designprozesses. Ein Beispiel ist „Eco within“: Gemeinsam mit dem Spezialpapierhersteller Felix Schoeller haben wir eine Dekorplatte entwickelt, die Design, Funktionalität und Nachhaltigkeit vereint. Über 65 Prozent Recyclinganteil in der Spanplatte, über 30 Prozent im Dekorpapier und eine CO₂-Reduktion von 9,25 Kilogramm pro Quadratmeter sprechen für sich. Das graue Unidekor steht dabei nicht nur für zeitlose Ästhetik, sondern auch sinnbildlich für gelebte Kreislaufwirtschaft.

Was macht ein gutes Dekor für den Ladenbau heute aus?

Ein gutes Dekor ist mehr als Oberfläche – es erzählt eine Geschichte. Es prägt die Atmosphäre im Raum und spricht die Sinne an. Man spürt die Wärme erdiger Farbtöne, nimmt den feinen Duft von Holz wahr oder entdeckt ein Möbelstück, das sich samtig und einladend anfühlt. Im Retail zählt genau das: Räume zu schaffen, die berühren – durch Textur, Farbe, Licht und Materialtiefe. Gleichzeitig muss ein Dekor im Ladenbau funktional, langlebig und flexibel einsetzbar sein, vom Highlight-Display bis zur beanspruchten Thekenfront. Genau aus diesem Anspruch entstehen unsere Innovus-Kollektionen – gestaltet, um Emotion und Funktion in jedem Store- und Retailkonzept zu vereinen.

Wie sehen Sie die Zukunft des Dekordesigns?

Ich glaube, wir befinden uns an einem spannenden Wendepunkt. Die Grenzen zwischen digitaler und physischer Gestaltung lösen sich zunehmend auf. Materialien müssen heute nicht nur im Raum wirken, sondern auch auf Screens klar, lesbar und visuell kraftvoll bleiben – ohne ihre Tiefe zu verlieren. Gleichzeitig wächst das Bedürfnis nach echten, sinnlich erlebbaren Welten. Design wird persönlicher, nachhaltiger, bewusster. Für mich ist es ein Dialog mit der Zukunft: zu spüren, was Menschen bewegt, und diese Impulse in Formen, Farben und Materialien zu übersetzen. Das heißt für uns im Team: neugierig bleiben, zuhören und den Blick immer ein Stück weiter nach vorn richten.

Erschienen im STORE BOOK 2026. Hier bestellen.

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