Dipl.-Ing. Bernhard Franken, Professor an der Hochschule Düsseldorf, Geschäftsführer Franken Generalplaner GmbH, Frankfurt a. M.
Über Jahrzehnte war der stationäre Einzelhandel die prägende Kraft in unseren Innenstädten. Er formte Plätze, Straßen und ganze Quartiere – oft im Rhythmus kommerzieller Interessen. Doch diese Dominanz brachte eine Monokultur hervor: Innenstädte wurden zu Konsumzonen, in denen gesellschaftliche Teilhabe überwiegend an Kaufkraft gekoppelt war. Heute verändert sich dieses Bild rasant. Immer mehr Handelsformate verlagern sich ins Digitale, und Flächen, die jahrzehntelang fest dem Verkauf vorbehalten waren, werden frei.
In der Presse und bei Verbänden wird diese Transformation überwiegend als eine Geschichte des Untergangs – der Retail-Apokalypse – erzählt. Im Gespräch mit der Bildzeitung sagte der HDE-Präsident Alexander von Preen im Februar 2024: „Viele Innenstädte erreichen Kipppunkte, da gibt es dann auf absehbare Zeit keine Hoffnung mehr auf Wiederbelebung.“ Stadtzentren würden in der Folge „nach und nach in den Abgrund“ gezogen.
In Deutschlands einzigartigem Studiengang Retail Design an der Hochschule Düsseldorf setzen wir dagegen ein völlig anderes Narrativ. Für uns ist die Transformation des Handels eine historische Chance, den Handel neu zu erfinden – in einer Stadt, die wieder vielfältig, gerecht und nachhaltig sein kann. Dies erreichen wir durch ein Retail Design für die Post-Retail-Stadt.
Die neue Mischung
Der Cima-Geschäftsführer Roland Wölfel wird im „Spiegel“ zitiert, die Stadt sei vielerorts zu einer reinen „Asset-Klasse“ verkommen, deren „Wert man in Kaufkraft und Miethöhe“ messe und nicht in Lebens- und Aufenthaltsqualität1. Es wäre aber naiv zu glauben, dass die Eigentümer der „Asset-Klasse Retail“ einfach nichts tun oder verschwinden werden. Vielmehr wird sich der Inhalt dieser Anlageklasse von reinem Einzelhandel zu Mixed Use ändern. Die Zukunft des stationären Handels liegt in einer funktionalen Vielfalt: kulturelle Einrichtungen, soziale Dienste, Gastronomie, Bildung, Gesundheit und Handel teilen sich Flächen und ergänzen sich. Diese Vielfalt schafft nicht nur lebendige Straßen, sondern auch eine höhere Resilienz gegenüber wirtschaftlichen Schwankungen.
Für die Stakeholder der Asset-Klasse Retail wird Storedesign zum Gamechanger und Bindeglied zwischen ökonomischer Funktion und öffentlichem Leben. Ein Store kann als sozialer und kultureller Akteur wirken, der sich ins Quartier einfügt und aktiv zum urbanen Miteinander beiträgt. Erfolgreiches Storedesign wird sich nicht auf das mehr oder weniger geschmackvolle Aussehen der Oberflächen beschränken, sondern das Nutzungsprogramm und die Form der sozialen Beziehungen in Stores gestalten.
Leitprinzipien für Storedesign in der Post-Retail-Ära
Multifunktionalität:
Verkaufsflächen werden zu Erlebnisorten – Showroom am Tag, Workshop- oder Eventfläche am Abend. Möbel auf Rollen, mobile Trennwände oder modulare Präsentationssysteme erlauben schnelle Umnutzung.
Flexibilität:
Stores müssen auf wechselnde Produktportfolios, saisonale Angebote und gesellschaftliche Trends reagieren können – ohne kostspielige Umbauten.
Nachhaltigkeit:
Langlebige, recycelbare Materialien und lokale Produktion sind nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern auch Teil einer glaubwürdigen Markenbotschaft.
Community-Orientierung:
Einbindung lokaler Akteure – vom Künstlerkollektiv bis zur Stadtbibliothek – macht den Store zu einem identitätsstiftenden Ort im Quartier.
Beispiele für eine neue Store-Kultur
In der Düsseldorfer KÖ Galerie entstand auf einer 150 Quadratmeter großen Leerstandsfläche ein multifunktionaler Raum, der seit Juli 2025 als Ausstellungsfläche, Event-Location, Lehrraum und Arbeitsplatz für Studierende dient. Dieses „Retail Design StudioKÖ“ ist ein Gemeinschaftsprojekt des Fachbereichs Design der Hochschule Düsseldorf, von Pimco und der ECE.
Auf dem Dach des Zeesener REWE-Markts wird 2026 der neue Prototyp eines grünen Markts der Zukunft fertiggestellt, der Community Garden Markt. Hier findet die Ortsgemeinschaft Raum: Auf Sportfeldern treffen sich lokale Vereine, auf einem Kräuterlehrpfad lernen Kinder und Erwachsene resiliente Pflanzen gegen den Klimawandel und Sandlinsen als Brutstätten für Insekten kennen. Nach der Konzeption von Franken Generalplaner ergänzt der Supermarkt als nachbarschaftliche Begegnungsstätte ökologische Nachhaltigkeit um soziale Komponenten.
Diese Beispiele zeigen, wie Handel, Bildungseinrichtungen und lokale Gemeinschaften unter und auf einem Dach zusammenfinden können.
Möglichkeitsraum statt Endzeitszenario
Leere Schaufenster sind kein Symbol des Niedergangs, sondern ein Freiraum für Gestaltung. Storedesign kann helfen, diesen Freiraum mit Leben zu füllen – nicht als nostalgische Rückkehr zu alten Zeiten, sondern als bewusste Weiterentwicklung. Storedesignerinnen und -designer sind in dieser Entwicklung Gestalter von Verkaufsflächen und von sozialer Begegnung. Sie schaffen Orte, die nicht nur Waren bewegen, sondern Menschen verbinden – und damit die Stadt selbst erneuern.
1 Book, Die große Angst vor Geisterstädten, in: Spiegel+ 2022
Erschienen im STORE BOOK 2026. Hier bestellen.
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