Wolf Jochen Schulte-Hillen, Geschäftsführer SH Selection
Outform & Future Stores
Der stationäre Handel steht 2025/26 vor einem Strukturbruch: Flächen sind im Überangebot,
Kundenfrequenz und Aufmerksamkeit jedoch knapp. Gleichzeitig erwarten Gen Z und Gen Alpha
Retail-Erlebnisse, die so dynamisch, visuell und interaktiv sind wie ihr Social-Media-Feed. Besucher
und Zuhörer bei meinen Vorträgen über die besten Einzelhandelsformate und Stores weltweit, unter
anderem beim HDE seit vielen Jahren, wissen, wie sehr ich das Thema Stores as a Service (SaS)
gefördert habe.
Der Anfang: Retail as a Service
Angefangen hat alles mit dem analogen Konzept „STORY“, dem Store von Rachel Shechtmann in New York. Weitere Entwicklungen waren der erste digitale Auftritt von B8ta von Phillipp Raub und der deutsche Ableger Blaenk von Martin Bressem. Leider sind diese jungen, innovativen, aber nationalen Konzepte der Pandemie zum Opfer gefallen. Outform positioniert sich daher als globaler Enabler für „phygitalen“ Handel. Future Stores an der Oxford Street in London agiert als prototypische Bühne für einen neuen Retailtyp und Nachfolger des Konzepts Store as a Service.
Future Stores wird – auf Basis der Kompetenz von Outform – zu einem Living Lab für den Phygital Retail: Marken testen neue Experience-Formate, verbinden Kampagnen mit physischer Präsenz und bauen ein Set an Best Practices auf, das den stationären Handel 2026 deutlich stärker in Richtung erlebnisorientiertem, datengetriebenem Medienkanal verschiebt – so wie es B8ta und Blaenk
versucht haben, aber durch Corona ausgebremst wurden.
Outform – Architekt phygitaler Retail-Erlebnisse
Outform ist eine international agierende Retail-Innovation-Agentur aus den USA, die sich auf die Gestaltung und Umsetzung von In-Store-Experiences, digitalen Interfaces und markenspezifischen
Flächenkonzepten spezialisiert hat. Das Leistungsspektrum reicht von Strategie und Design über Prototyping bis zur globalen Rollout-Umsetzung für Marken aus Tech, Beauty, Sport und Lifestyle.
Kernkompetenz von Outform ist die Integration von Technologie in Markenräume: großformatige LED-Installationen, interaktive Touchpoints, Sensorik, Computer Vision und Data-Capture-Lösungen, die aus klassischen Verkaufsflächen messbare Media-Assets machen. CEO und Gründer Ariel Haroush treibt diese Positionierung voran und fungiert zugleich als Gründer bzw. Chair der Future-Stores-Plattform.
Future Stores London – der Flagship als „Physical Social Feed“
Den ersten Flaghship von Future Stores konnte ich in der Toplage an der Oxford Street in London bei der Eröffnung im Herbst 2024 besuchen. Auf rund 400 Quadratmetern über zwei Ebenen entstand ein hochflexibler Raum, der nicht als klassischer Laden, sondern als Hybrid aus Retailfläche, Medienplattform und Datenlabor konzipiert ist.
Zentrales Merkmal ist eine umfassende Micro-LED-Infrastruktur, die Wände und Decken in eine immersive, vollständig bespielbare Oberfläche verwandelt. Für Marken bedeutet das: Sie „übernehmen“ den Store für zwei bis sechs Wochen als Kampagnenslot, inszenieren Produkte, Geschichten und Live-Events – und erhalten gleichzeitig belastbare Daten zu Besuchern, Aufenthaltsdauer und Interaktionen. Ware und Dienstleistungen können an Terminals mit Hilfe des Markenpersonals online gebucht werden. Der physische Warenverkauf ist in der Regel nicht vorgesehen, aber möglich.
Brand-Cases – von Tech über Fashion bis Automotive
Seit Eröffnung wurden im Future Stores u. a. folgende Marken-„Residencies“ realisiert: Intel (AI-PC- und Gaming-Erlebniswelt mit Fokus auf neue PC-Generationen), LØCI x Snapchat (Vegane Sneaker-Marke mit AR-Try-on und Social-Lenses), Adidas (Inszenierung des „Superstar“ für eine neue Generation Sneaker-Käufer), Renault 5 & Renault 4, Mercedes CLA (Automotive-Inszenierungen, die E-Mobilität und Fahrzeuginnenräume als Lifestyle-Erlebnis präsentieren), Don Papa Rum (multisensorische Markenwelt „Sugarlandia“ mit Tastings und Storytelling). Auch Kunden wir Turkish Airlines, Tesla, Fashion Souk und Pepsi haben das neue Format genutzt.
Diese Beispiele zeigen die Bandbreite des Formats: vom Technologie-Launch über Sneaker- und Fast-Fashion-Kampagnen bis hin zu Automotive und Spirits. Gemeinsamer Nenner ist jeweils das Ziel, Awareness, Experience, Content-Produktion und Datengewinnung in einem physischen Setup zu bündeln.
Geschäftsmodell & Economics
Future Stores operiert nicht wie ein klassischer Vermieter mit langjährigen Mietverträgen, sondern wie ein Retail-Media-Vermarkter: Marken buchen kurzfristige Zeitfenster in Wochen-Paketen für
einen Full-Store-Takeover. Parallel werden von Seiten Outforms Services angeboten: Experience-Design, Content Creation, Staffing, PR, Analytics.
In Vermarktungsunterlagen werden für einen vollständigen Store-Takeover Mietpreise im hohen fünf- bis sechsstelligen Bereich pro Kampagnenlaufzeit genannt; Plattformen wie Location Live nennen
Richtwerte von rund 150.000 Pfund pro Woche für eine Vollbelegung. Zur Wirkung liegen öffentlich vor allem Traffic- und Aufmerksamkeitskennzahlen vor: stark frequentierte Lage (Oxford Street mit ca. 70 Millionen Passanten pro Jahr), hohe Besucherzahlen während der Activations und über-durchschnittliche Dwell Times im Store.
Globale Perspektive & Expansion
Der Standort London wird von Future Stores selbst als „first flagship“ bezeichnet. Ergänzend wurden in Partnerschaft mit Intel Pop-up-Formate bzw. geplante Standorte in Paris (Champs Élysées) und New York (5th Avenue) angekündigt, die auf dem gleichen phygitalen Prinzip aufbauen, jedoch (Stand Ende 2025) primär als markenspezifische Intel-Stores kommuniziert werden. Ein globales Netz eigenständiger Future-Stores-Flagships befindet sich somit im Aufbau, ist aber noch nicht voll ausgerollt.
Key Points für Phygital Retail 2026
Im Zusammenspiel von Outform und Future Stores entsteht eine Blaupause für den Retail 2026:
1. Der Store als Kampagnenmodul
Der Laden ist kein statischer Point of Sale mehr, sondern ein temporäres Kampagnen-Format – buchbar wie ein Medienkanal.
2. Retail = Media = Data
Fläche wird zum Media-Asset, dessen Wirkung mit KPIs wie Footfall, Dwell Time, Interaktionen und Content-Reichweite messbar ist.
3. Phygital by Design
Technologien (LED, Sensorik, AR, Mobile) sind nicht Beiwerk, sondern von Anfang an in die Markenstory und die Customer Journey integriert.
4. Modular & kuratiert statt Dauervermietung Kurze, kuratierte Aufenthalte verschiedener Marken erzeugen Relevanz, Wiederbesuch und Social-Talkability.
5. Übertragbarkeit auf andere Märkte
Für Innenstädte, Bahnhöfe, Malls oder Campusflächen – auch in D-A-CH – bietet das Modell eine Vorlage, wie Eigentümer, Städte, Marken und Operatoren zusammen phygitale Brand-Stages aufbauen können, die Retail Media und Smart-City-Ansätze verbinden.
Erschienen im Insider 81. Hier ansehen und herunterladen.