Julia Hausmann, Architektin des Büro FARBARCHITEKTUR
Wie atmosphärische Farbkonzepte Verkaufsräume zu nachhaltigen Erlebnis- und Begegnungsorten transformieren
Die Kölner Architektin Julia Hausmann entwickelt mit ihrem Büro Farbarchitektur Farb- und Materialkonzepte für Architektur in unterschiedlichen Maßstäben – vom Städtebau über den Hochbau bis zum Interior. Unter dem Claim „Ich baue Farbe“ versteht sie Farbe nicht als dekorativen Abschluss, sondern als integralen Bestandteil des Bauens. Anstrichmittel, Materialien und Oberflächen werden dabei als gestaltprägende Elemente begriffen, deren Zusammenspiel Atmosphäre, Funktion und architektonische Qualität wesentlich beeinflusst.
Farbe als Erlebnisraum: Neue Perspektiven für den stationären Handel
Der stationäre Handel steht vor einer fundamentalen Neuerfindung. In Zeiten, in denen Online-Shopping zur Selbstverständlichkeit geworden ist, müssen physische Verkaufsorte mehr bieten als reine Warenpräsentation – sie sollten zu Begegnungsräumen werden, die ein sinnliches Erlebnis schaffen. Dieser Wandel wird getragen von einem veränderten Konsumverhalten: Immer mehr Menschen suchen nicht den schnellen Kauf, sondern bewusstes Erleben, nicht Quantität, sondern Qualität und Sinnhaftigkeit. Der Laden wird vom Transaktionsort zum Erfahrungsraum. Farbe spielt dabei eine zentrale Rolle, die weit über dekorative Aspekte hinausgeht.
Atmosphäre, Orientierung und Aufenthaltsqualität
Farbe beeinflusst die Wahrnehmung eines Raums häufig unmittelbarer als Form oder Material. Warme Farbtöne können Nähe, Geborgenheit und Aufenthaltsqualität erzeugen, während kühle Nuancen Distanz, Klarheit oder Ruhe vermitteln. Dabei geht es weniger um isolierte farbpsychologische Zuschreibungen als um das Zusammenspiel von Farbton, Sättigung, Materialoberfläche, Glanzgrad und Licht.
Gleichzeitig übernimmt Farbe eine wichtige orientierende Funktion. Durch gezielte Farbzonierungen lassen sich Bereiche definieren, Funktionszusammenhänge sichtbar machen oder Blickachsen betonen. In komplexen Ladenstrukturen kann Farbe helfen, Wege intuitiv lesbar zu machen. Farbe wird so Teil eines stillen Leitsystems, das ohne Beschilderung auskommt und dennoch Orientierung schafft.
In Zeiten zunehmender Leerstände in den Innenstädten verändert sich die Rolle des stationären Handels grundlegend. Der Laden wird mehr und mehr zum Begegnungsraum – zu einem Ort zwischen Zuhause und Arbeit, der Aufenthalt erlaubt und soziale Interaktion ermöglicht. Solche Räume folgen der Idee des „Dritten Ortes“ und müssen Qualitäten bieten, die über den reinen Kaufakt hinausgehen. Farbe spielt hierbei eine zentrale Rolle, weil sie Atmosphäre stiftet, Schwellen abbaut und emotionale Bindung erzeugt.
Zeitgeist statt Trends – Nachhaltigkeit prägt unsere Sehgewohnheiten
Wenn heute nach Farbtrends gefragt wird, lohnt sich ein Perspektivwechsel. Statt kurzfristiger modischer Strömungen ist zunehmend der Zeitgeist prägend. Themen wie nachhaltiges und zirkuläres Bauen beeinflussen nicht nur Materialwahl und Konstruktion, sondern auch unsere Wahrnehmung von Farbe. Wir gewöhnen uns an ruhigere, ehrlichere und langlebige Farbwelten.
Gleichzeitig zeigt sich eine zunehmende Abkehr von rein global gedachten Farb- und Gestaltungscodes. Starre Corporate-Farben stoßen im Raum oft an ihre Grenzen, weil sie den Kontext des Ortes nur unzureichend berücksichtigen. Stattdessen rückt der „Genius loci“ wieder stärker in den Fokus: Die Atmosphäre, Geschichte und Materialität eines Ortes werden zur gestalterischen Referenz.
Farbe kann hier vermittelnd wirken. Sie übersetzt Identität nicht als plakatives Zeichen, sondern als räumliche Haltung. Lokale Bezüge, regionale Materialien oder vorhandene Bestandsfarben werden aufgegriffen und weiterentwickelt. So entstehen Räume, die trotz globaler Markenpräsenz ortsspezifisch, glaubwürdig und anschlussfähig wirken.
Transformation durch kleine Eingriffe
Gerade im Umgang mit Bestandsbauten zeigt sich die besondere Stärke von Farbe. Oft lassen sich mit vergleichsweise kleinen, gezielten Eingriffen große Veränderungen erzielen. Ein neuer Anstrich, bewusst platzierte Farbakzente oder die Reduktion auf wenige, klar definierte Töne können Räume neu strukturieren und ihnen eine zeitgemäße Anmutung verleihen.
In Kombination mit einem durchdachten Lichtkonzept entfaltet Farbe ihre volle Wirkung. Licht verändert Farbigkeit, Tiefe und Materialwirkung – und umgekehrt. So lassen sich Atmosphären gezielt verändern, ohne baulich einzugreifen. Im Sinne von Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung ist diese Art der Transformation besonders relevant. Farbe und Licht ermöglichen es, Bestehendes mit minimalem Materialeinsatz weiterzudenken und aufzuwerten, mit maximaler Wirkung. Der Laden kann so als sinnlicher, ortsbezogener Raum neu erlebt werden.
Eine Chance für den Ladenbau, authentische, langlebige Räume zu schaffen, die Menschen nicht nur zum Kaufen, sondern zum Sein einladen.
Weitere Infos zu Projekten, Vorträgen und Seminaren von Julia Hausmann:
www.farbarchitektur.koeln
Erschienen im Insider 81. Hier ansehen und herunterladen.